Rosenrecycling

von Friedrich Meschede

Die Bildwerke von Brigitte Heimann rufen Erinnerungen wach, obgleich sie keine historischen Momente, keine Bildnisse oder andere Szenen darstellen. Auf den Leinwänden erkennt man Rosenmotive, die sich wiederholen, Farben und deren Schichtungen zu Flächen. Es gibt Spuren von Rakel oder Spachtel, die diese Farbflächen auch wieder brechen. Wir betrachten eine abstrakte Bildsprache, die dennoch die Wirkung erzielt, Erinnerungen zu evozieren.

Vielleicht ist dies aber auch nur eine Frage unserer bisherigen Sehgewohnheit. Das vom Bild ausgehende Vermögen, andere Zeitvorstellungen zu stimulieren, nimmt mit unbefangenem Blick ab, wenn man nicht genau wissen will, wie die Werke entstanden sind. In diesem Fall aber wären die Bilder von Brigitte Heimann auf Muster reduziert, die sich formal wiederholen, seriell erscheinen und über jedes einzelne Werk hinaus die gesamte Werkgruppe in diesem Phänomen des Wiedererkennens zusammenschließen. Mit dieser Feststellung ist ein Kennzeichen der Arbeiten von Brigitte Heimann festzuschreiben. Ihre Bilder sind Variationen einer Bildidee, die die Wiederholung sucht, die eine gewisse Sicherheit im Wiedererkennen anstrebt und eine Kontinuität der künstlerischen Arbeit darin zum Ausdruck bringt. Die Arbeit ist ein Lebenswerk; jedes einzelne Bild repräsentiert das Arbeitsprinzip, und die Gesamtheit der Bilder stellt die Fülle der Möglichkeiten dar, die eine Variation bietet.

Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Künstlerin ein Modul benutzt, ein gefundenes Handwerkszeug, das aus einer anderen Art der Bildproduktion stammt und hier für veränderte Zwecke genutzt wird. Brigitte Heimann fand vor Jahren in einer alten Tapetenfabrik eine Sammlung von Rollen, in deren Oberfläche Motive eingeschnitzt waren, die der Herstellung von Papiertapeten dienten. Seitdem nutzt sie diese Rollen dazu, die Motive auf Leinwand und großformatige Papiere zu übertragen. Hier aber liegt auch ein Bruch vor. Das, was einmal für die endlos gedachte Massenproduktion entwickelt worden war, das modulare druckgrafische Bildmotiv, das unendlich über seine Zylinderform vervielfältigt werden kann, nutzt Brigitte Heimann für jetzt begrenzte Leinwandformate. Es wird immer nur ein Ausschnitt dessen gesetzt, was als grenzenloses Bild gedacht sein könnte.

Somit erscheinen auch die Bilder von Brigitte Heimann selbst als Ausschnitte. Und gerade damit enthalten sie das Moment der Erinnerung, weil sie mit dem Moment von Ganzheit und Fragment spielen. Man erinnert sich an die Räume, die mit solchen Tapeten einmal ausgestattet waren. Die häufig auftretenden Rosenblütenmotive lassen sich wie Symbole einer Epoche lesen, die darin das Dekor beschwor. Ein Garten war auf die Wände der wohnlichen Räume projiziert. In den Bildern liegt die Spannung darin, dieses Zitat so einzusetzen, dass es die Erinnerung auslöst und zugleich in seiner fragmentarischen Darstellungsweise den Zweifel daran vermittelt.

Die Arbeitsprozesse von Brigitte Heimann können auch als ein Prozess des Recyclings verstanden werden, eine Wieder- wie Weiterverwertung von Motiven, die den Glanz einer Epoche abbilden und jetzt die Melancholie über deren Schein und Verlust. Über das „recycling“ der Tapetenrollen wird nicht nur das eigentliche Werkzeug einer neuen Nutzung zugeführt, ein Gebrauch, in dem es weiterlebt. Dieses „recycling“ bewirkt auf einer anderen Ebene der Erinnerung die Auseinandersetzung, die eingangs erwähnt wurde. Etwas lebt als Bild fort und wird doch immer auch in seiner Geschichte verankert.

Es ist das Prinzip der Collage, das hier angewandt wird, ohne andere Materialien im Bild zu kombinieren. Deswegen wirkt dieses Prinzip subtiler und erscheint codiert in der Stimmigkeit von Farben und Flächen. Auf der anderen Seite aber ist gerade das Prinzip der Collage ein Verfahren, Bildbedeutungen zu „recyclen“ und wurde deshalb zu dem Bildfindungsverfahren des 20. Jahrhunderts. Die Rose der Tapetenmanufaktur lebt somit weiter als Signet der Werke von Brigitte Heimann. In ihren Gemälden wird sie darüber hinaus auch Ausdruck einer Melancholie, die die Moderne mit und eingeschlossen in ihrer abstrakten Formensprache hervorgebracht hat.

Berlin im Februar 2008